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Sport-Welt, 3. Dezember 1978

Mädchen und Frauen im Rennsattel schon ein alltägliches Bild
Ansturm der Girls gegen eine Tabu-Festung

Endlauf zum Preis der Perlenkette am Samstag, 2.12.1978, in Neuss - zum 18. Mal nun schon, seit Harald von Gustedt das Rennen aus der Taufe gehoben hat. Einige Besitzer und Trainer sind vielleicht stolz und auch ein wenig gerührt, daß sie "ihrer" Reiterin zu einer guten Chance und möglicherweise sogar zum Gewinn der begehrten Trophäe verhelfen können.
Rennreitende Mädchen und Frauen sind freilich keine Ausnahmeerscheinung mehr - nicht nur in Deutschland. Während jedoch im Amateursport bereits in den dreißiger Jahren rennreitende Mädchen und Frauen für eine frühe Blütezeit sorgen konnten, war das Lager der Professionals lange nach geheiligter Tradition tabu. Hier soll versucht werden, eine kleine Bilanz über die bisherige Entwicklung zu ziehen.

Reiterinnen Preis der Perlenkette 1970
Vor dem Preis der Perlenkette 1970:
H.Rabus, I.Wolters, M.Leurson, Chr.Schlitzkus, M.Jeker, R.Paland,
A.Gräfin Solms, S.Hermann, H.Haasler, V.Aeschlimann, M.de Kat
(Foto: Udo Schmidt)

210 Lizenzen und Reiterlaubnisse für Amateur- und Berufsrennreiterinnen wurden in diesem Jahr ausgestellt, wobei manche vielleicht eher den Versicherungsschutz im Training und den Zutritt zu den Rennveranstaltungen sicherstellen sollen. Doch wurden immerhin von fast 100 verschiedenen Reiterinnen insgesamt rund 2200 Ritte ausgeführt. Dabei wurden an die 140 Siege gegen männliche Berufsrennreiter errungen, was dafür zu sprechen scheint, daß Frauen und Mädchen ihre Chancen zu wahren verstehen.

Noch bis vor fünf Jahren wurden ernsthaft interessierten, rennerfahrenen Besitzerinnen, die ihre eigenen Pferde in Jockey-Rennen reiten wollten, wiederholt abschlägige Antworten vom Direktorium für Vollblutzucht und Rennen erteilt:
Die Rennordnung spräche gegen eine Teilnahme, die Rennvereine nähmen ihr Hausrecht in Anspruch, der Trainer- und Jockeyverband sähe die Verdienstmöglichkeiten seiner Mitglieder gefährdet, das wettende Publikum wolle auf diese Spektakel verzichten.
Doch war die Entwicklung hin zur Gleichberechtigung der Frau auch im Galopprennsport nicht aufzuhalten.

Die Rennsportbehörden anderer Länder hatten schon früher die entsprechenden Bestimmungen revidiert, wie z.B. in den Niederlanden, wo bereits 1966 ein junges Mädchen die Berufsrennreiterlizenz erhielt. Als Ina Schwarzkächel im September 1966 ihren ersten Ritt auf der Rennbahn Duindigt ausführen wollte, streikten die männlichen Kollegen und weigerten sich, die Umkleideräume zu verlassen. Erst nach langen Verhandlungen und Bestrafungen der unwilligen Jockeys konnte der Rennbetrieb weitergeführt werden, wodurch Ina Schwarzkächel nicht nur als erster weiblicher Jockey der Welt in die Rennsportgeschichte eingeht, sondern wodurch es ihr einige Jahre später auch ermöglicht wurde, fünfmal hintereinander das Cesarewitch, das mit 3600 m längste Flachrennen der Niederlande, und den Preis der Diana zu gewinnen und 1971 als erste Frau im Sattel eines Derby-Siegers zu sitzen.

Dieser wertvollste, klassische Erfolg gelang auch schon der kleinen Argentinierin Marina Lezcano, als sie 1976 das Derby ihres Landes mit dem Brecher-Sohn Serxens gewann, worauf sie 1978 gar noch die berühmte TripIe Crown folgen ließ, während sich im selben Jahr Joana Morgan in den berühmten Irish Sweeps Derby Stakes und die Schwedin Elisabeth Welinder im Svenskt Derby noch nicht placieren konnten. Ein Jahr darauf belegte die französische Amateurreiterin Isabelle Henin, Nichte des ehemaligen Premierministers Debre, einen bemerkenswerten zweiten Platz im nordafrikanischen Derby, das in Rabat in Marokko ausgetragen wurde.

Auch für Norwegen und Schweden, wo Rennreiterinnen schon Zuchtrennen gewinnen konnten und wo Britta („Bisse“) Lundgren seit Jahren stets einen der vorderen Plätze in der Jockey-Statistik einnimmt, waren im Rennsport berufstätige Frauen schon früh eine Selbstverständlichkeit, wohingegen die Jockey-Clubs von England und Frankreich sich erst später entschließen konnten, Berufsreiterlizenzen an Frauen zu vergeben. In England dürfen männliche oder weibliche Amateure auch heute noch nicht an Jockey-Rennen teilnehmen, während 1975 auf der Pariser Rennbahn Saint-Cloud ein von der Amazone Isabelle Henin gerittenes Pferd gegen Lester Piggott gewinnen konnte. Die wenigen französischen Berufsreiterinnen haben den Sprung in die Metropole bisher noch nicht geschafft und sammeln vorerst Erfahrungen in der Provinz. Merkwürdigerweise war es den Damen in Frankreich in Hindernisrennen zu reiten eher erlaubt als in Flachrennen.

Schon 1961 war es in der Türkei für eine Amateurreiterin möglich, Hindernisrennen zu bestreiten, was Frau Gerda Malletke mit ihrem Sieg gegen englische, französische und türkische Profis deutlich machte. Auch die Österreicherin Margit von Pretz beweist schon seit 1970 mit vielen erfolgreichen Ritten gegen Hindernisjockeys, daß in einer kleinen, schmalen Person durchaus Härte, Zähigkeit und kühler Mut stecken können. Der Galopprennsport verlangt von den Aktiven viel Energie, Disziplin und Selbstüberwindung. Nicht nur, wenn das Weitermachen nach schweren Stürzen, Knochenbrüchen und Operationen bei Außenstehenden bloß ein verständnisloses Kopfschütteln hervorruft. Auch das tägliche, sehr frühe Aufstehen, durch das die Hühner geweckt werden, die Schwierigkeit für Amateure, Hobby und Beruf oder Schule verantwortungsbewußt zu verbinden, der Verzicht auf mancherlei Vergnügungen, das eintönige Führen oder Reiten bei jedem "Sauwetter", der rauhe Umgangston, der in einigen Ställen herrscht, die langen Reisen an Tagen, an denen andere Menschen frei haben, die dafür verhältnismäßig geringe finanzielle und ideelle Anerkennung, stellen manch eine Pferdenärrin, die mit romantischen Illusionen angefangen hat, auf die Probe. Sind dann noch berechtigte Hoffnungen durch bessere Pferde weggeputzt worden, gab es womöglich laute Vorwürfe vom Trainer und wenig stilvolle Zurufe von enttäuschten Wettern, klang schnelle, "vernichtende" Kritik von bequemer Tribüne oder Turm, wurde die Stimmung durch Hungern und zehrende Tabletten immer gereizter, dann helfen nur echte Passion und starker Durchsetzungswille, um nicht die Sache hinzuwerfen.

In den USA erkämpfte sich 1969 eine Frau mit Hilfe der Gerichte das Recht, in Rennen reiten zu dürfen. Kathy Kusner, berühmte Springreiterin, ist die auch in Deutschland von ihrem siegreichen Dortmunder Gastspiel mit Stall Steintors Sekt her bekannte Vorstreiterin aller Mädchen, die seitdem in den USA zu professionellen Ritten und Siegen kamen: Barbara Jo Rubin, die erste Lizenzinhaberin im Staat New York, die sieben ihrer ersten zehn Rennen gewann und auch ihr aufsehenerregendes Debut auf der Rennbahn von Aqueduct siegreich gestaltete, Mary Bacon, die nicht nur als "Playboy"-Fotomodell, sondern auch durch ihr Rennreitertalent von sich reden machte, Robyn Smith, die in den berühmten Vanderbilt-Farben mehrfache Stakes-Gewinnerin auf den großen Bahnen von New York ist, Parry Barton, Mutter von drei Kindern, die mit oft über dreißig Ritten in der Woche und insgesamt annähernd neunhundert Siegen zu den erfolgreichsten Reiterinnen der Welt gehört.

Auch die Kanadierin Joan Phipps machte Schlagzeilen, als sie 1974 als erste und bisher einzige Frau auf Gastlizenz in Trinidad ritt, 1976 und 1977 bei den beeindruckenden Weltmeisterschaften der Rennreiterinnen in São Paulo, Brasilien, triumphierte und dann sogar der konservativen Racing Conference von Neuseeland nach langwierigen, auch in der Öffentlichkeit heftig geführten Debatten endlich die Reitgenehmigung abringen konnte und gleich das erste Rennen gegen die neuseeländischen Jockeys gewann. Seitdem können auch in Neuseeland die Mädchen einer Rennreiterausbildung folgen, während in Australien vor kurzem fertiggestellte, tiefgehende Studien des Office of the Counsellor for Equal Opportunity die Verantwortlichen der Jockey Clubs zu einer gerechteren Einstellung zu den dem Rennsport verbundenen Frauen bringen sollen. Nach dieser australischen Untersuchung gibt es in Staaten wie Japan, Mauritius, Neu-Guinea, Zypern, deren Rennsport in Deutschland weitgehend unbekannt ist, keinen Unterschied bei der Lizenzierung von männlichen und weiblichen Jockeys.

Überall haben Trainer feststellen müssen, daß sie ohne die Hilfe von weiblichen Pferdeführern, Pflegern, Arbeitsreitern fast nicht mehr auskommen können. Auch wenn von vielen deutschen Trainern sehr bezweifelt wird, daß sich weibliche Jockeys hier in absehbarer Zeit entscheidend gegen die männlichen Kollegen durchsetzen werden, so erkennen sie doch die Zuneigung der Mädchen zu Pferden an. Sie bescheinigen ihnen eine weiche Hand, Geduld, Einfühlungsvermögen, Verläßlichkeit, was besonders bei sensiblen Vollblütern von spürbarem Vorteil sein kann. Daneben haben sie meist eine bessere schulische Ausbildung und größeres Interesse, sich auch in der Theorie weiterzubilden. Als nachteilig werden die oft fehlende, für den Jockeyberuf jedoch unbedingt erforderliche körperliche Stärke und Robustheit deutlich herausgestellt.

Manche Trainer stellen notgedrungen, aus Mangel an Bewerbungen von geeigneten Jungen, weibliche Lehrlinge ein und profitieren dann natürlich, wenn Reittalent vorhanden ist, von dem leichten Gewicht und der großen Gewichtserlaubnis. Viele sind nach alten Vorurteilen jedoch immer noch irgendwie der Meinung, daß "die ja doch nicht dabei bleiben, sondern irgendwann heiraten und Kinder kriegen". Für chancenreiche Pferde in höher dotierten Rennen wird sowieso ein Mann verpflichtet. Andere Trainer befürchten vermehrte Probleme mit männlichen Stallangestellten, wenn sie Mädchen beschäftigen, besonders, wenn die Unterbringungsmöglichkeiten für die von auswärts kommenden Lehrlinge beschränkt sind. Die Sorgen, die sie mit den in der Ausbildung befindlichen, oft ohne vorbildliches Elternhaus und ohne festen Halt aufwachsenden männlichen Jugendlichen haben, sind ihnen schon groß genug.
Aber wie wird dann mit der Zeit der Berufsstand "Jockey" in Deutschland aussehen? Schon jetzt sind von 108 Lehrlingen 49 weiblichen Geschlechts, und die Anfragen, die das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen in Bezug auf Rennreiterausbildung erhält, kommen in der Mehrzahl von jungen Mädchen. In diesem Jahr waren es rund zweihundert Bewerberinnen, von denen 26 schließlich einen Ausbildungsvertrag erhalten konnten.

Müssen in Zukunft etwa vermehrt Ausländer eingestellt werden? Oder sollte man die Gewichte in den Rennen erhöhen? Oder könnten sich nicht doch die Verdienstmöglichkeiten verbessern lassen?

Die Frage nach den Zukunftsaussichten der Reiterinnen werden sehr unterschiedlich beantwortet. Es gibt eine große Anzahl von Skeptikern, die die Leistungen der jungen Frauen abwerten möchten. Auch manche Rennvereine scheinen den steigenden Andrang von Reiterinnen noch nicht als andauernde Gegebenheit ernsthaft zu akzeptieren, denn sonst würden sie doch sicher Mittel und Wege finden können, um z.B. die Damenumkleideräume mit einer Waschgelegenheit und einer ausreichenden Anzahl von Kleiderhaken und Stühlen auszustatten oder die Amateurrennen an Wochentagen nicht gerade an den Beginn des Programms zu legen (auch samstags müssen viele Amazonen noch ihrem Beruf nachgehen).

Dagegen vertrauen inzwischen verschiedene Besitzer und Besitzertrainer gerne einer einigermaßen talentierten Reiterin, auch wenn sie ihr Pferd nicht ausquetschen kann (oder gerade deshalb). Die Reiterinnen selbst werden immer selbstbewußter, sind recht optimistisch und können sich gut vorstellen, daß sie auch solche Positionen wie Reisefuttermeister, Futtermeister oder Trainer zufriedenstellend und erfolgreich ausfüllen können, wenn sie bei fortgeschrittenem Alter, steigendem Gewicht oder bei Verlust der Gewichtserlaubnis keine ausreichenden Gelegenheiten zum Rennenreiten mehr bekommen.

Ganz allmählich wandelt sich auch in Deutschland die Einstellung zur "Frau im Rennsattel". Die männlichen Berufsrennreiter werden objektiver gegenüber guter sportlicher Leistung und erkennen sie an, auch wenn sie selbst von einem Mädchen im Endkampf geschlagen wurden. Die wenigen Jockeys, die Kolleginnen oder Amateurreiterinnen überheblich, ja feindlich, einschüchtern wollen, verlieren mehr und mehr an Überzeugungskraft. Die regelmäßigen Rennbahnbesucher können schon lange gut genug hinsehen, um einen Jockey nach seinen Fähigkeiten zur beurteilen, unabhängig davon, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Reiter handelt. Die Stellungnahme der Pferde wäre natürlich höchst interessant, läßt sich aber nicht besonders klar interpretieren. Vielleicht bringt die zukünftige Entwicklung weitere Erkenntnisse. Vielleicht auch sieht eine abermalige Bilanz in zehn Jahren bereits ganz anders aus.

H.Rabus


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