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Weltmeisterschaft der Rennreiterinnen 1977
(Die dritte Einladung von guten Freunden aus São Paulo)

Es war ein großartiges, fröhliches Wiedersehensfest, als ich am 26. April 1978 in São Paulo eintraf. Nach regem Briefwechsel, der seit meinem von Thesi von Werner vermittelten Aufenthalt in 1975 in Brasilien nicht unterbrochen worden war, gab es nicht nur im Büro des Präsidenten der Turfkommission und bei der Presse herzliche Begrüßungsszenen.

Bereits während des Fluges, der über Frankfurt, Madrid und Rio de Janeiro nach São Paulo führte, traf ich mit den ersten alten Bekannten aus Skandinavien zusammen und bei der offiziellen Verlosung der Pferde für die vier Damenrennen war fast die gesamte Gruppe des vorjährigen Campeonato Mundial de Joquetas wieder vereint.
Mehrere Reiterinnen hatten absagen müssen: eine erwartet ein Baby, die andere hatte die Schulter gebrochen, Joanna Morgan aus Irland und Marina Lezcano, die im vergangenen Jahr das argentinische Derby gewonnen hatte, waren von ihren Trainern nicht freigestellt worden, so daß statt der erwarteten 16 Reiterinnen aus 16 Ländern diesmal 12 Vertreterinnen 11 verschiedener Nationen anwesend waren. Brasilien war nicht nur durch die sehr erfolgreiche Suzana Davis aus Porto Alegre vertreten, sondern auch durch die 18jährige Gláucia Guimarães, die erst seit wenigen Wochen im Besitz einer Berufsreiterlizenz war.

Die Auslosung der Pferde fand wieder unter den aufmerksamen Blicken von vielen Journalisten, Besitzern und Trainern statt. Die Spannung war groß, als der Präsident der Turfkommission die Namen der Reiterinnen aus einer Trommel zog.
Erstes Pferd im ersten Rennen mit ... Hannelore Rabus ... und ein Foto davon in der Zeitung. Doch das etwas abgewandelte Sprichwort, daß die Ersten die Letzten sein werden, ging einige Tage später leider in Erfüllung.


"Como vai?" "Estou muito bem, obrigada!" Die anstrengenden Wochen, in denen ich die Grundbegriffe der portugiesischen Sprache gepaukt hatte, waren vergessen, als ich während des Trainings auf der Rennbahn die Überraschung in den Gesichtern der Reiter las. Doch war ich froh, daß meine Dolmetscherin in schwierigen Fällen erreichbar war.

"Ja, natürlich, ich reite gern Ihr Pferd. Wie bitte, ohne Sattel? Mit Sattel ist der Hengst zu schwierig? Nein, wirklich, ohne Sattel klappt das nicht. Ich werde einfach deutsch mit ihm reden, bei seinem Namen "Kronprinz" hört er vielleicht ein wenig hin."

Die ersten 400 m im Schritt und Trab, als der Reiter eines Führpferdes ihn hart am Gebiß festhielt, wurden noch verhältnismäßig leicht bewältigt, doch bei den danach folgenden eineinhalb Runden Galopp verhinderten schließlich auch die deutschen Worte nicht die ziemlich ungemütliche und anstrengende Uneinigkeit.

Vor unserem ersten Rennen, das am 28. April 1977 in São Paulo's Cidade Jardim unter Flutlicht auf der äußersten der drei Sandbahnen gelaufen wurde, hatte ich zum ersten Mal das Vergnügen, einen Aufgalopp an der Seite eines Führponys zu absolvieren. Der Reiter im roten Rock auf seinem schnellen, wendigen Pferd hatte meinen "Bibiany" so fest am Kopf, daß ich völlig entspannt das Geschehen verfolgen konnte. Er lieferte uns sicher bei unserem Pferdepfleger ab und übernahm auch eine Viertelstunde später auf dem Weg zum 1600 m-Start und bei den Runden an der Startmaschine die Leitung. Start und Rennverlauf waren für meinen vierjährigen, sieglosen Hengst einwandfrei, trotzdem reichte es nur zu einem vorletzten Platz, womit der allergrößte Außenseiter des Feldes seine Form leider bestätigte. Gewonnen wurde dieser Lauf von der jungen Brasilianerin Gláucia Guimarães ganz knapp vor Isabelle Henin aus Frankreich.

Das zweite Rennen wurde am 30. April gelaufen. Diesmal ging es über 1000 m Gerade Bahn auf Gras. Das Geläuf war in hervorragendem Zustand, da man fast ein Jahr lang keine Grasbahnrennen veranstaltet hatte. Gláucia Guimarães, stolze und lebhaft gefeierte Siegerin des ersten Laufes, hatte großes Pech. Ihr Pferd nahm ihr auf dem langen Weg zum Start aus dem Schritt heraus die Hand, sie ließ sich bei vollem Speed aus dem Sattel fallen, um nicht gegen die Startstände anzurasen, und konnte nicht mehr am Rennen teilnehmen. Auch Fresia Garcia kam in Schwierigkeiten, doch zu ihrem Glück war einer der beiden Reiter auf den Leadponies rechtzeitig an ihrer Seite. Diese Fliegerprüfung für vierjährige, inländische Stuten wurde eine leichte Beute der großen Favoritin "Klaygirl" mit der kanadischen Berufsreiterin Joan Phipps, die bereits die vorjährige Meisterschaft in São Paulo für sich entschieden hatte. Zweite wurde Heather McGuire aus Australien, während ich mich mit meiner Stute "Uvada" als Vierte placieren konnte. Die Zeitungsvorschau hatte darauf verwiesen, daß "Uvada" bereits über 1000 m Gerade Bahn gewonnen hatte, doch lag dieser Sieg leider schon zwei Jahre zurück.

Am Tag darauf, dem Sonntag des Großen Preises von São Paulo, starteten wir bereits im dritten Rennen. Es ging über 1800m Grasbahn. Diesmal hatte ich mit dem zweitgrößten Außenseiter "Inhadita" wieder nichts mit dem Ende zu tun und wurde 9. in einem Feld von elf Pferden, da das Pferd der Dänin Vibeke Hansen abgemeldet wurde, als Vibeke bereits umgezogen war.
Leider gab es beim dritten und vierten Lauf keine Ersatzpferde, so daß Vibeke auch am nächsten Abend niedergeschlagen auf der Tribüne saß, denn auch ihr viertes Pferd konnte wegen Lahmheit nicht starten.

Siegerin im dritten Lauf wurde Fresia Garcia aus Chile vor einem Stallgefährten, den Joan Phipps ritt. Unsere Siegerehrung wurde trotz der vielen hohen Persönlichkeiten aus der Politik, die an diesem Tag auf der Bahn waren, im Empfangssaal des Jockey Clubs auf dem Dach der ersten Tribüne vorgenommen.
Isabelle Henin, Heather McGuire und einige andere Reiterinnen wurden von ihren Botschaftern begrüßt, während sich die Angehörigen der deutschen Botschaft schon seit Jahren überhaupt nicht für den Rennsport zu interessieren scheinen.

Dann hofften wir Europäerinnen auf den letzten Lauf der Meisterschaft. Sollte es denn unmöglich für uns sein, hier in Brasilien ein Rennen zu gewinnen? Schon 1975 und 1976 hatte es nur Siege von Süd- und Nordamerikanerinnen gegeben.

Aber auch im abschließenden 2400 m-Rennen gelang es der schwedischen Berufsreiterin Elisabeth Welinder auf dem Favoriten nicht, den Angriff der Brasilianerin Suzana Davis abzuwehren. Auf der Linie hatte Suzana unter dem tosenden Beifall des Publikums ihrem Pferd einen knappen Vorsprung gesichert.
Kurz nach dem Start hatte es einen gefährlich aussehenden, aber glimpflich abgelaufenen Zwischenfall gegeben, als die Finnin Mola Rekola und Fresia Garcia von ihren Linien abwichen und Mola und ihr Pferd kopfüber gingen. Meine Startnummer mit "Kronprinz" war genau zwischen den beiden gewesen, so daß ich, um weiteres Unglück zu verhindern, einigen Boden verlor.
Und dann, am Ende der Gegenseite, begann ich mein südamerikanischen Experiment: Ich faßte die Zügel langsam kürzer und kürzer, bis meine Hände nicht mehr weit von den Ohren meines Pferdes entfernt waren, und legte mich ganz flach, fast auf den Hals von "Kronprinz" und merkte, wie dieser darauf reagierte. In der Geraden nahm ich die Peitsche hoch, so daß sie fast zwischen seinen Ohren lag. Und der Bursche zog an! Das gab's doch nicht! Zack, zack, ganz schnell zwei Schläge und den Stock wieder hoch zwischen die Ohren. Im Ziel waren wir 6. und wurden von einem zufriedenen Trainer in Empfang genommen, der mir sogar den in diesem Rennen getragenen Dress als Andenken schenkte.
Ob irgendwo in diesem, von unserem so sehr verschiedenen, Reitstil das Geheimnis liegt, warum Isabelle Henin und Elisabeth Welinder in diesem Jahr und ich in 1976 nur Zweiter werden konnten und irgendwie den letzten Einsatz unserer Pferde vermißt hatten?


In der Gesamtwertung des 2. Campeonato Mundial de Joquetas lag Joan Phipps aus Kanada wieder vorn, diesmal mit 2 Punkten Vorsprung vor der Chilenin Fresia Garcia und der Brasilianerin Suzana Davis. Vierte und damit bestplacierte Europäerin wurde Isabelle Henin, die eine Woche später Gelegenheit bekam, auch in Rio de Janeiro zu reiten.

Trotz einiger finanzieller Schwierigkeiten, die die Organisation der vier Damenrennen in diesem Jahr sehr in Frage gestellt hatten, waren die Verantwortlichen nach Ablauf des Meetings mit dem Erfolg zufrieden. Die vier Rennen, jedes mit umgerechnet ungefähr 17.100 DM dotiert erbrachte einen Umsatz von insgesamt ungefähr 633.000 DM, wobei beim letzten Lauf am Montagabend ungefähr 173.000 DM durch die Kassen flossen.

Wie in den Jahren zuvor hatte der Jockey Club von São Paulo auch diesmal keine Mühen gescheut, um uns den Aufenthalt in Brasilien so interessant, abwechslungsreich und schön wie möglich zu machen.
Von Gestütsbesichtigungen, lukullischen Abendessen in vornehmsten Sport-Klubs, einem Besuch der weltberühmten Reptiliensammlung, von Samba-Show, Einkaufsbummel, Sauna-Vergnügen, Sonnenbaden, Fernseh-Auftritt bis hin zu privaten Einladungen mit einem Ritt durch weite Kaffee-Plantagen und einem Flug in einer kleinen, viersitzigen Maschine bis fast nach Rio de Janeiro - eigentlich ist es dann nicht verwunderlich, wenn man nach solchen Erlebnissen längere Zeit braucht, um sich wieder an das Alltagsleben zu Hause zu gewöhnen.

(Mai 1977)

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